LeseprobeTanja Müller: 25. DezemberDichte Schneeflocken fielen sanft auf die harte, gefrorene Erde, bis sie unter einer weißen Decke verschwand. Tannenwipfel ragten hoch in den stahlgrauen Abendhimmel, der langsam von der beginnenden Nacht verschluckt wurde. Ein knirschendes Geräusch durchbrach die Stille des Waldes. Es waren Schritte, langsam, gemessen. Der alte Mann zog schniefend die von der Kälte rot angelaufene Nase hoch. Seine Hände hatte er tief in die Taschen seines leuchtend roten Mantels vergraben. Eiskristalle sammelten sich im weißen Pelz seiner Kapuze. In seinem grauen Bart glitzerten gefrorene Schneeflocken wie kleine Sterne. Der alte Mann blieb kurz stehen, seufzte, rückte den breiten schwarzen Gürtel um seinen mächtigen Bauch zurecht, um dann weiterzumarschieren. Bilder blitzten in seiner Vorstellung auf, Bilder vergangener Weihnachtsfeste. Ein kleines Mädchen im blauen Kleidchen, auf dem Arm seiner Mutter, das staunend die Nadeln des duftenden Tannenbaumes betastet ... Ein Junge, der mit seiner kleinen Schwester auf einem zugefrorenen See Schlittschuh läuft und sich schon auf den heißen Kakao in der warmen Wohnstube freut ... Eine junge Frau, auf dem Sofa sitzend, in den Armen ihr neugeborenes Baby, ihr Mann, der die Kerzen am Weihnachtsbaum anzündet ... Eine alte Frau, alleine in ihrer Wohnung vor dem Fernseher, die Augen fest geschlossen, die Gedanken auf ihren verstorbenen Mann gerichtet ... Der alte Mann schüttelte seinen massigen Körper, wie um sich von den Erinnerungen zu befreien, die sich in seinem Kopf festgesetzt hatten, er wollte sie abstreifen wie dünne Spinnweben. Die Nacht hatte sich herabgesenkt, Dunkelheit über die verschneite Landschaft gelegt. Goldene Sterne standen am Himmel, begrüßten jeden, der noch unterwegs war. Ein strahlender, fast voller Mond erhellte die Schwärze des Tannenwaldes. Der silberne Lichtschein brachte den Schnee zum Glitzern, als ob Millionen Kristalle über die Erde verstreut wären. Der alte Mann marschierte weiter, in Gedanken versunken, ohne Sinn für die Schönheit der Landschaft. Seine schweren Stiefel sanken knirschend in den Schnee ein, hinterließen tiefe Spuren. Am Rande einer Lichtung blieb er stehen und richtete seinen Blick auf die Silhouette eines nahen Dorfes. Warmes Licht schien aus den Fenstern in die Nacht, kleine orangefarbene Punkte in der Dunkelheit. Leiser Gesang wehte zu dem alten Mann herüber, getragen von einem schneidend kalten Wind, der wie glühende Nadelspitzen auf der Haut brannte. Es waren alte Lieder, Melodien, die seit Generationen erklangen, Worte, die schon von Seelen gesungen wurden, an die sich längst keiner mehr erinnerte. Sie handelten von Geborgenheit, Wärme, kündigten bessere Zeiten an. Hoffnung versprachen sie den Menschen, die bereit waren, daran zu glauben. Der alte Mann lauschte mit geschlossenen Augen, hörte auf die alten Lieder und die Stille des Waldes, die ihn umgab. Er atmete tief die eisige, klare Luft ein und genoss den Geruch von Kälte. "Chef, Chef, hier sind Sie also!" Eine piepsige Stimme, keuchend vor Anstrengung, durchbrach die Einsamkeit des Waldes. ![]()
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