Weihnachtsgeschichten

Leseprobe

Willi Brenner: Raunacht


Ich hatte Lena ermahnt, sie solle den Schnee nicht essen, davon würde sie Husten bekommen. Als sie es wieder tat, schlug ich ihr den weißen Klumpen ärgerlich aus der Hand und drohte ihr eine Ohrfeige an. So wie unsere Mutter wollte ich klingen, streng und unerbittlich, das bisschen Autorität einer älteren Schwester gewürdigt wissen. Inmitten des verschneiten Waldes, durch den wir mühsam unseren Leiterwagen zogen, erhob ich den Zeigefinger, erklärte altklug den Zusammenhang zwischen Schnee, Husten und Bauchweh. Außerdem, und davon versprach ich mir die größte Wirkung, würde es für ein krankes Kind kein Weihnachtsfest geben, keinen geschmückten Baum, keine Lieder und kein Geschenk. Nur bittere Medizin.

"Kein Geschenk?"

"Nein. Nichts."

Lenas blaue Augen weiteten sich erst ungläubig, dann machte sich Entsetzten in ihrem Gesicht breit.

Ich blieb standhaft, genoss schweigend meinen Sieg. Dabei hatte ich etwas für sie in diesem Jahr. Das restliche Sackleinen hatte für eine Puppe ausgereicht, mit Sägespänen gefüllt, zwei weißen Knopfaugen und Wollresten, die einen bunten Haarschopf formten. Einen lachenden Mund hatte ich ihr mit Nadel und rotem Faden auch noch verpasst.

Gucki war ein wenig unförmig geraten, die Arme gar kurz und dick, wartete sie mit ihrem rundlichen, gut gepolsterten Bauch versteckt auf dem hohen Bücherregal darauf, endlich in kleine Kinderhände gelegt zu werden.

Ich sah das strahlende Gesicht meiner Schwester vor mir, die schon mit weniger zufrieden war, alles zum Leben erwecken konnte, selbst einen Stein zu ihrem Freund erklärte.

Besonders an den letzten Tagen vor Weihnachten fiel es mir zunehmend schwerer, nichts von Gucki zu erzählen.

Der vierundzwanzigste Dezember hatte seinen Glanz verloren, jedes Jahr ein wenig mehr. Allmählich waren die duftenden Zimtsterne und der Lebkuchen vom Gabentisch verschwunden. Und gerade als Lena das Alter erreicht hatte, in dem man lernt zu staunen, schimmerten keine bunten Christbaumkugeln mehr an unserem Baum.

"Die Zeiten sind schlecht", hatte mein Vater einmal gesagt. Inzwischen war auch er verschwunden und viele andere mit ihm.

Als Weihnachten auch seine Geschichten einbüßte, keine Märchen und Erzählungen mehr vorgelesen wurden, in dem Jahr, als niemand mehr so recht darüber sprechen wollte, weil mein Vater Recht behalten hatte, zu dieser Zeit begann ich Gucki zu nähen. Und als ich die Puppe spät nachts im schwachen Licht einer Glühbirne so unbeirrt fröhlich lächeln sah, wie ich es selbst nicht gekonnt hätte, war der Entschluss in mir gereift, den Heiligen Abend doch noch heilig zu machen.

Wir setzten uns wieder in Bewegung. Lena schob, ich zog an der Deichsel, so fest ich konnte. Die Dämmerung kroch zwischen den Bäumen auf uns zu und ließ die Konturen der etwas weiter entfernten Stämme langsam in den grauen Hintergrund einfließen. Noch vor Einbruch der Nacht erreichten wir die Hauptstraße, auf der wir unseren Leiterwagen einsam durch das Zwielicht schoben. Große Weichselbäume, deren dunkelrote, säuerliche Früchte im Frühsommer Kinder und Wespen gleichermaßen anzogen, säumten nun die schneebedeckte Straße. Die Kirschenallee musste noch durchquert werden, um die ersten Häuser des Ortes zu erreichen.

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Weihnachtsgeschichten Weihnachtsgeschichten
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-9-8

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