Antonia Stahn: Weihnachten auf GrönlandLeseprobeEr ist da! Feine weiße Pünktchen zuerst, dann große, dichte Flocken. Der Wind treibt sie durch den Garten. Paulinchen und Jonas stehen auf einem Stuhl vor dem Fenster. "Schau, Pauly!", sagt Jonas verträumt. "Es sieht aus, als wollten die Schneeflocken uns begrüßen." Paulinchen nickt. Neugierig betrachtet sie das Gesicht ihres Zwillingsbruders. Wenn Jonas so aussieht, denkt er sich Geschichten aus. Pauly liebt Jonas' kleine Gute-Nacht-Erzählungen sehr. "Vielleicht erzählt er mir heute Nachmittag ein neues Märchen. Dann ist das Warten auf das Christkind nicht so langweilig", denkt sie. Jonas springt mit einem Satz von dem Stuhl. Fröhlich hüpft er im Zimmer herum. "Du, Paulinchen! Weißt du eigentlich, was heute für ein Tag ist?" Leicht ärgerlich schaut Pauly ihren Bruder an. Doch dann hüpft sie ausgelassen durchs Zimmer. "'türlich weiß ich das!" Sie neigt das Köpfchen ein wenig zur Seite und legt den Zeigefinger an ihre Oberlippe. Macht sie immer, wenn sie nachdenkt. "Weißt du, Jonas, heute ist ein ... ähm, ein ... jetzt hab ich's: Heute ist ein Alles-auf-einmal-Tag", sagt sie glücklich und dreht sich im Kreis. An den Fingern zählt sie ab: "Papa und Mama kommen heute von ihrer Konzertreise zurück, das Christkind kommt heute Abend - und der Schnee, den Opa uns versprochen hat, ist schon da!" Leise öffnet sich die Tür. "Hallo, ihr beiden. Da sind wir wieder!", sagt Mama lächelnd. Sie breitet die Arme aus. Schnell wie der Wind laufen die Kinder hinein. Dann darf auch Papa seine beiden Lieblinge umarmen. Es hat aufgehört zu schneien. So viel Schnee am Heiligen Abend hat es seit Jahren nicht mehr gegeben. Staunend betrachten die Kinder die weiße Welt. Nach etlichen Schneeballschlachten - merkwürdigerweise gewinnen Jonas und Pauly jede Schlacht - beginnen Opa und Papa, große Schneekugeln zu rollen. Jonas hilft eifrig mit. Paulinchen nicht. Sie ist müde. Außerdem möchte sie jetzt lieber Mama und Oma bei den Weihnachtsvorbereitungen helfen. "Oder sie will Geschenke ausspionieren", flüstert Jonas Opa zu. "So sind sie, die Frauen", schmunzelt Opa. "Stets etwas neugieriger als wir." Nach einer guten Stunde sind die Schneemänner fertig. Opa, Papa und Jonas haben gleich eine ganze Familie gebaut. Vater, Mutter und zwei Kinder. Ein älterer Herr lehnt an der Gartenpforte des Nachbarhauses. Vergnügt schaut er dem "Schneetreiben" seiner Nachbarn zu. Gerne würde er mitmachen. Aber er traut sich nicht, fühlt sich viel zu alt. "Wunderbare Schneemänner sind das!", ruft er. "Hab schon zu meiner Frau gesagt: Sie können Ihre Kunst nicht leugnen. Einem Bildhauer ist wohl jedes Material recht. Sogar Schnee! Die Schneekinder haben erstaunlich hübsche Gesichter. Sehen beinahe wie Ihre Enkel aus, Herr Kleeveken. Na dann! Schöne Feiertage allerseits!" Nachdenklich betrachtet Jonas die weißen Kunstwerke. "Schade. Lange werden sie nicht bei uns sein, oder Papa? Gibt es denn keinen sicheren Platz auf dieser Welt für Schneemänner?" "Hm", überlegt Papa, "Im Norden Grönlands könnten sie unbeschadet überwintern. Dort ist es kalt genug." ![]()
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