Lionne Berger: EngelsschnurrenLeseprobeDüstere Wolken hingen über dem Land. Kein passendes Heiligabend-Wetter. Sehr passend aber zu Katjas Stimmung. Und zu dem Kloß im Hals, der immer mehr zu wachsen schien, je näher die Autobahn sie ihrem Ziel brachte. Der Villa ihres Onkels und ihrer Tante, bei denen sie auch in diesem Jahr die Weihnachtszeit verbringen sollte. Katja seufzte. Sie brauchte dringend eine Pause an der frischen Luft, am besten auch einen Kaffee. Leider hatte sie gerade erst eine Tankstelle ignoriert. Daher fuhr sie auf den nächsten Rastplatz. Eine ungepflegte Angelegenheit, wie sich herausstellte, mit dreieinhalb grauen Bänken, einem ebenso grauen WC-Häuschen, einer Reihe Mülltonnen und einem Feldweg ins Nirgendwo. In ihre Winterjacke gewickelt stapfte Katja zum WC-Häuschen. Schon aus der Entfernung roch sie Urin und schimmelnde Lebensmittel. Aus einer der Mülltonnen drang ein Scharren. Katja zuckte zusammen. Vorsichtig hob sie den Deckel hoch und spähte in die Tonne. Auf einer Plastiktüte maunzte kläglich eine Handvoll weißes Fell. Katja hob das zitternde Kätzchen heraus und schob es unter ihre Jacke, um es zu wärmen. Es schmiegte sein Köpfchen an ihren Hals und schnurrte sich auf der Stelle in ihr Herz. Katja streichelte das ausgehungerte Tier liebevoll. Es brauchte dringend etwas zu fressen. Vielleicht fand sich in der Nähe jemand, der mit Wurst und Milch aushelfen konnte. Danach würde sie weitersehen. Kurz entschlossen setzte sie sich samt Kätzchen ins Auto und fuhr auf den Feldweg. Nach ein paar Minuten Holpern durch eine hügelige Einöde tauchte ein Häuschen auf. Katja parkte das Auto am Rand des Weges und stieg aus. Aus einem der Fenster fiel warmes Licht in die Dämmerung des Winternachmittags. Katja drückte die Klingel. Ein melodisches Dingdong erklang. Kurz darauf leichte Schritte, dann schwang die Tür auf. Eine alte Frau in einer blau-weiß karierten Schürze blickte erstaunt auf den kleinen Katzenkopf, der aus Katjas Jacke lugte. Stammelnd versuchte Katja, den Grund der Störung zu erklären. Aber noch bevor sie ihre Ausführungen beendet hatte, zog die Frau sie durch den Flur in eine große, warme Wohnküche. Ein Tisch aus hell poliertem Holz stand in einer Ecke, eingerahmt von einer rot bezogenen Eckbank und mehreren Stühlen. Gegenüber eine kleine Tanne mit weißen Kerzen, geschnitzten Engeln und Tierfiguren, die mit bunten Bändern an den Zweigen befestigt waren. Im Raum schwebte Nelkenduft, vermischt mit Orange, Zimt und Schokolade. Die Frau wies auf die Eckbank, nickte kurz, als Katja sich setzte, und begann, in der Küche herumzuwuseln. Still beobachtete Katja, wie die Frau Hackfleisch und Milch aus dem Kühlschrank holte, in die Mikrowelle stellte und danach aus dem Topf auf dem Herd eine große Tasse mit heißem Kakao füllte und sie Katja über den Tisch schob. Dann gab sie den aufgewärmten Inhalt der Mikrowelle in zwei Futternäpfe und stellte diese auf die Dielen. "Jetzt kann das arme Ding erst mal etwas fressen." "Vielen Dank", sagte Kaja, "das ist wirklich ganz lieb von Ihnen." "Gern geschehen!" Die alte Frau ließ sich auf dem Stuhl nieder und sah Katja prüfend an. "Trinken Sie doch. So heiß ist er nicht mehr. Sie sehen ja fast genauso verhungert aus wie die Katze." ![]()
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