Irmela Nau: Ein Weihnachtself auf AbwegenLeseprobeWieder so ein Tag, an dem Fridolin am liebsten in seinem Bett bleiben würde. Er wusste genau, was auf ihn zukam. Seit 152 Jahren immer dasselbe. Er war dafür verantwortlich, dass die Geschenke, die der Weihnachtsmann am Heiligen Abend verteilte, schön eingepackt waren. Das hieß seit 152 Jahren: Papier von einer Rolle ziehen, abschneiden, Geschenk darin einwickeln, mit Klebestreifen befestigen, Bändchen drum herumwickeln und eine Karte dranhängen. Und dann das Ganze wieder von vorn, immer und immer wieder. Fridolin gähnte. Er hatte einfach keine Lust mehr. Wozu gab er sich so viel Mühe, jedes Päckchen liebevoll zu gestalten? Den Kindern war es doch sowieso egal. Sie rissen das Papier auf, zerrten ihr Geschenk raus, zerknüllten das bunte Papier und warfen es achtlos weg. Das Kärtchen lasen die wenigsten. Wäre es nicht einfacher, wenn der Weihnachtsmann die Geschenke ohne Verpackung unter die Weihnachtsbäume legen würde? Dann hätte er, Fridolin, weniger zu tun und könnte endlich einmal Urlaub machen. Vielleicht auf den Bahamas, wo die Sonne scheint und es schön warm ist. Das ewige Eis und die klirrende Kälte am Nordpol gingen ihm mittlerweile ganz schön auf die Nerven. Fridolin verschränkte die Arme hinter dem Kopf und stellte sich vor, an einem sonnigen Strand zu liegen ... ... die Luft flimmerte vor seinen Augen, die Sonne schien so stark, dass ihn das grelle Licht blendete. Das Handtuch, auf dem er lag, war schon ganz nass von seinem Schweiß. Sand klebte an seinen Armen und Beinen. Schön war das nicht gerade. Die ersten Tage am Strand hatte er wirklich genossen. Faul in der Sonne liegen, kühle Getränke mit exotischen Namen schlürfen, im Meer baden, den Sand unter den nackten Füßen spüren und dann die vielen Menschen. So viel Trubel und Frohsinn! Einfach wunderbar! Aber nun ... Die meisten gingen ihm auf die Nerven. Sie waren laut und stritten sich oft. Das Gekreische am Strand tat ihm in den Ohren weh. Die Sonne schien zu heiß. Der Sand war zwar warm und weich, aber wenn man nicht aufpasste, hatte man ihn überall, sogar in der Badehose, und die exotischen Getränke hinterließen oft einen merkwürdigen Nachgeschmack. Gelangweilt packte er sein Badezeug zusammen und schlenderte über die Strandpromenade. Vor einem Schaufenster hatte sich ein Menschenauflauf gebildet und alle redeten wild durcheinander. Im Schaufenster standen Fernseher und auf allen lief derselbe Sender. Ein Nachrichtensprecher berichtete über eine weltweite Katastrophe, die sich an Heiligabend ereignet hatte. Auf der ganzen Welt war nicht ein einziges Weihnachtsgeschenk zu finden. Alle Kinder waren todunglücklich. Es gab nicht das kleinste Päckchen, das sie hätten auspacken können. Ein anonymer Anrufer hatte dem Nachrichtensender gemeldet, dass es dem Weihnachtsmann in diesem Jahr unmöglich war, Geschenke zu verteilen, da - wie jeder weiß - Geschenke hübsch verpackt werden müssen, und das wäre leider nicht passiert. So war der Weihnachtsmann erst gar nicht zu seinem alljährlichen Rundflug aufgebrochen, denn er hätte die Sachen nur unverpackt unter die Bäume legen können und es hätte nicht die kleinste Überraschung gegeben. Überall, egal ob in Russland, in Schweden, in Amerika oder Argentinien, in jedem Land weinten die Kinder bittere Tränen. Waren doch die vielen hübschen Päckchen mit den tollen Überraschungen das Schönste am Weihnachtsfest überhaupt. ![]()
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