Norbert Sindelek: Der WeihnachtspinguinLeseprobeIch bin der Weihnachtspinguin. Du fragst, wer das sein soll, der Weihnachtspinguin? - Na, der Pinguin, der zu Jesu Geburt den Stall besucht hat, gemeinsam mit den Engeln, Hirten und Königen, den Schafen, Kamelen, Hirtenhunden, dem Elefanten und so weiter. Du glaubst mir nicht? Typisch! Jedes Jahr zu Weihnachten versuche ich, die Menschen davon zu überzeugen. Zu Weihnachten können ja bekanntlich die Tiere reden. Wobei wir Tiere eher der Ansicht sind, an diesem Tag könnten die Menschen ausnahmsweise mal verstehen, was wir Tiere reden, aber egal, es nützt mir eh nichts. Jedes Jahr stoße ich auf taube Ohren oder, noch schlimmer, auf mitleidiges Kopfschütteln. So eine Gemeinheit. An den Ochsen und den Esel glaubt jeder, dabei steht von denen auch kein Wort in der Bibel. Aber mit den Pinguinen kann man's ja machen. Dabei waren wir Pinguine immer schon aufmerksame Zeugen von Gottes Wirken. Zum Beispiel damals, als er dem alten Noah auftrug, uns und alle anderen Tiere in seine Arche zu packen und vor der Sintflut zu retten. Nicht, dass das nötig gewesen wäre, wir Pinguine können mindestens genauso gut schwimmen wie jede Arche, aber na ja, Gottes Wege sind unergründlich, wie man sagt. Doch als die Arche dann auf dem Berg Ararat strandete, standen wir erst einmal ratlos da, denn der Ararat liegt bekanntlich in der Türkei, in Kleinasien, wie das früher hieß. Und das ist vom Südpol, wo wir eigentlich hingehören, ziemlich weit weg. Erst recht, wenn man ein Vogel ist, der gar nicht fliegen kann. Manchmal frage ich mich, wozu Gott uns überhaupt Flügel gegeben hat, aber na ja, Gottes Wege … ich hab's ja schon gesagt. Auf jeden Fall gab es nach der Sintflut ein paar tausend Jahre lang eine Pinguinkolonie mitten in Kleinasien. Bis wir eines Tages vor ungefähr zweitausend Jahren beschlossen, dass es dort eindeutig zu warm für Pinguine ist. Wir entschieden uns, durch Galiläa ans Rote Meer zu watscheln und dann bis zum Südpol zu schwimmen. Damit uns nicht zu heiß wurde, waren wir nur nachts unterwegs. Und in einer Nacht, in der die Sterne besonders hell schienen und ein ganz außergewöhnlicher Stern am Himmel strahlte, kamen wir an einen Ort, wo für diese späte Stunde ganz schön viel Betrieb war. Schafherden und Kamelkarawanen, Esel und Menschen zogen an uns vorbei. Da wir Pinguine weder groß noch besonders gut zu Fuß sind und nicht von irgendwem über den Haufen gerannt werden wollten, schickten mich die anderen voraus, um den Weg auszukundschaften. Bald entdeckte ich, dass all diese Wanderer sich an einer Stelle zusammenfanden, wo ein kleiner, baufälliger Stall stand. Eigentlich nicht sehr einladend, aber als ich in seine Nähe kam, zog er mich magisch an. Ich musste unbedingt sehen, was dort los war. Doch eigentlich war dort gar nichts los. Ein kleines Menschenküken lag in der Futterkrippe und alle anderen standen nur drum herum und schauten es an. Aber wie sie schauten! Alle blickten glücklich und zufrieden drein und wirkten, als könnten sie nie wieder irgendjemandem etwas Gemeines antun. Auch mir wurde ganz warm ums Herz. Aber - ich glaube ich erwähnte es bereits - wir Pinguine sind eher klein und ich konnte nicht viel sehen. Also drehte ich mich um und wollte zu meinen Kollegen zurückgehen. ![]()
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