Schlüsselerlebnisse

Ralf Schwob: Nick

Leseprobe


Jenseits der Leitplanken spottet ein Einkaufszentrum dem anderen und über den sonntäglich leeren Parkplätzen schmiegen sich die bunten Fähnchen Schutz suchend an ihre Masten. Ein wolkenschwerer Himmel über der Autobahn und leichtes Gepäck auf der Rückbank - so könnte etwas beginnen oder zu Ende gehen, denke ich auf einmal, aber angefangen hat es eigentlich schon mit Nicks Weihnachtskarte. Die Karte blieb über die Feiertage auf der Kommode im Flur liegen, und noch bevor ich mich entschließen konnte, sie zu beantworten, schickte Nick eine zweite Karte mit Neujahrswünschen. Sie habe momentan viel Zeit, schrieb sie, und seit es ihr wieder besser gehe, denke sie oft an früher, ob ich auch oft an früher denke, wollte sie wissen, denn schließlich kämen wir nun beide in das Alter, in dem man sich zu erinnern beginne, schrieb Nick, so als ob wir mit Ende dreißig bereits alte Frauen wären, die sich mit Kindheits- und Jugenderinnerungen über die beginnende Menopause hinwegtrösten müssen, und um ehrlich zu sein, hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt keine Veranlassung gehabt, an Nick zu denken oder mich an ihre pausbäckige Mutter und den schweigsamen Vater, der den ganzen Tag auf ein Kissen gestützt aus dem Fenster sah, zu erinnern. Nein, an Nick und ihre Eltern hatte ich lange nicht mehr gedacht, auch nicht an ihre kleine Wohnung im dritten Stock, in der es immer nach Essen roch und Wäsche im Flur stand.

"Wir wohnen im dritten", hatte Nick damals auf dem Spielplatz gesagt, "ich habe kein eigenes Zimmer, aber wir können in der Küche spielen." Irgendwann war ich ihrer Einladung gefolgt, und danach waren wir Freundinnen, einfach so und ohne dass wir es jemals ausgesprochen hatten. Später sahen wir uns oft wochenlang nicht mehr, bis die eine dann doch endlich wieder bei der anderen vor der Tür stand - Ach, da bist du ja wieder - und keine war enttäuscht oder gekränkt, warum auch. Wann also beginnt es, dass man an eine Freundschaft Erwartungen knüpft?

Willkommen in der südhessischen Diaspora, hier beginnt und hier endet nichts, hier muss man einfach nur durch. Ölflecken liegen wie dreckige Regenbogen auf der nassen Fahrbahn, sobald man die Autobahn verlässt, dazu Aquaplaning und Holzkreuze an jeder zweiten Kurve. "Hör mal", werde ich sagen, "im Dunkeln finde ich hier nie wieder raus, also werde ich nicht allzu lange bleiben." Und dann kann ich ein bisschen von der Arbeit und natürlich auch von früher erzählen, aber wenn sie sich kurz umdreht oder auf Toilette geht, werde ich auf die Uhr schauen. Mein Gott, Nick, was erwartest du, wir haben uns seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen - das letzte Mal, glaube ich, auf einem furchtbar langweiligen Klassentreffen vor etlichen Jahren, du warst schwanger und dein Mann kam schon um kurz nach neun, um dich wieder abzuholen, damals haben wir jedenfalls kaum zwei Worte miteinander gewechselt, obwohl wir uns eine geschlagene Stunde gegenübersaßen.

Kinderfreundschaften sind eben Kinderfreundschaften, und irgendwann ist es dann auch gut damit, doch als Nick eine Karte nach der anderen schickte, suchte ich im Keller nach den alten Sachen und fand einen Schuhkarton voller Schnappschüsse, die aus irgendeinem Grund nie in ein Fotoalbum geklebt wurden: Nick und ich mit Eis am Stiel auf einer Treppe sitzend, dahinter die Schlaghosenbeine eines Erwachsenen im sommerlich schattigen Hausflur, genaues Datum unbekannt.

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Schlüsselerlebnisse Plötzlich sah die Welt ganz anders aus
Schlüsselerlebnisse
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-6-7

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