Cornelia Koepsell: PrickelpitLeseprobeAnna drückte sich in der Küche herum. Ein Ort, den sie sonst mied. Der Aufenthalt barg die Gefahr, der Mutter helfen zu müssen. Das war langweilig. Anna wollte spielen oder sich verstecken und lesen. Wenn die Mutter sie fand, musste sie helfen. Das passierte selten. Anna kannte alle Verstecke. Beim Spielen war sie außer Reichweite - irgendwo auf der Straße, in den Gärten, auf Geheimwegen, in Höhlen, auf Bäumen. Jetzt stand Anna in der Küche und wartete, dass die Mutter hinausging. Es war so weit. Die Mutter eilte ins obere Stockwerk, die Betten zu machen. Genug Zeit also. Anna stellte sich auf die Zehenspitzen und schob ihre kleine Hand unter das Tablett auf dem Geschirrschrank. Sie spürte das weiche Leder des Geldbeutels. Er lag immer an der gleichen Stelle. Sie zog ihn herunter, drückte mit Daumen und Zeigefinger gegen die zwei ineinander verschlungenen Knubbel, so dass er aufsprang. Zum Glück enthielt er viel Kleingeld. Es würde nicht auffallen, wenn sie drei Groschen herausnahm. Das reichte für Prickelpit, Negerkuss und Karamellbonbons. Es war schlecht, was sie tat. Anna wusste das. "Nur einmal noch, dann nie wieder", schwor sie sich und sagte es auch Gott, der über dem Haus schwebte und alles sah. Sie war noch klein, also hielt Anna es für unwahrscheinlich, bald zu sterben und in der Hölle zu braten. "Außerdem ist es das letzte Mal, lieber Gott", bekräftigte sie noch einmal. "Das sagst du immer", antwortete Gott traurig und verhüllte sein Antlitz. Anna hörte es kaum. Sie rannte zu dem kleinen Krämer gegenüber und kaufte Prickelpit, Negerkuss und Karamellbonbons. Oben im Schlafzimmer, das sie mit den Brüdern teilte, versteckte sie sich in der Nische zwischen Schrank und Etagenbett, schlug das Buch "Fünf Freunde heben einen Schatz" auf und biss in den weichen Schaum des Mohrenkopfes. Der Genuss war unbeschreiblich. Seit einem Jahr konnte sie lesen, als erste in der Klasse. Lesen in Verbindung mit Süßigkeiten - etwas Besseres gab es nicht. Immer wieder musste sie es tun. Negerkuss und Prickelpit hielten sie fest im sündigen Würgegriff. Zum Glück gab es den Nachbarsjungen, Sohn des Krämers, doppelt so alt wie sie. Ab und zu schenkte er ihr Prickelpit, wenn sie mit ihm zusammen in das Wäldchen ging. Es war eine kleine Stange brickettförmiger gelber Zitronenbonbons, eins so groß wie ein halber Fingernagel. Sie schob mehrere auf einmal in den Mund, um den vollen Genuss des prickelnden Aromas zu schmecken. Auf die Art war die Stange nach dem dritten Hineingreifen leer. Immer wieder hieß es zu wählen zwischen Genuss und Sparsamkeit. Meist entschied Anna sich für Ersteres. Als Sohn des Krämers war der Nachbarsjunge im Besitz von Süßigkeiten-Reichtümern. Er versprach ihr, als sie im Wäldchen angelangt waren, zwei Prickelpit, wenn sie sich vor ihm das Unterhöschen auszog. "Kein Problem", dachte Anna. Das war mit Sicherheit weniger sündig, als der Mutter die Groschen aus dem Portemonnaie zu klauen. ![]()
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