Schlüsselerlebnisse

Antonia Stahn: Bankgeheimnis

Leseprobe


Tag für Tag sitzt der alte Mann auf der Bank im kleinen Park hinter dem Theater.

Kaum jemand kennt die kleine, grüne Oase in dem Häusermeer hinter dem Schauspielhaus. Manchmal kommen einige Schauspieler auf die angrenzende Terrasse. Sie lehnen sich an das brüchige Holzgitter, ziehen hektisch an ihren Zigaretten. Gegenstand ihrer Unterhaltung ist immer das Schauspiel - und natürlich der Regisseur.

Die Welt um sie herum zählt nicht. Auch nicht der Alte auf der Knüppelholzbank. Er fällt nicht auf. Einer der wenigen Parkbesucher hat ihn schon einmal für ein seltenes Hartholzgewächs gehalten. Den stillen Menschen schmerzt das nicht.

Früher, früher hätte er sehr unter Nichtbeachtung gelitten. Doch den Jahrmarkt der Eitelkeiten hat er vor vielen Jahren verlassen. Er ist mit seinem derzeitigen Leben völlig zufrieden.

Kalt ist es geworden. Der Herbst kündigt sich an. Starker Wind treibt die bunten Blätter von den Zweigen.

Ein junger Mann, nur in T-Shirt und Jeans gekleidet, steht allein auf der Veranda. Er scheint nicht zu frieren. Nur die Hände zittern. Es gelingt ihm nicht, die beruhigende Zigarette anzuzünden. Wütend schmeißt er sie auf den Boden, zermalmt sie brutal mit seinem Stiefelabsatz. Langsam schlendert der Schauspieler durch den kleinen Park.

Der alte Mann beobachtet den jüngeren. "Hoffentlich setzt er sich nicht zu mir auf die Bank", denkt Jonathan ängstlich. Seit langem nennt sich der Alte Jonathan. Jonathan ist das Code-Wort, der Schlüssel für eine ganz besondere Tür im "Haus des Lebens" dieses Menschen. Er gestattet sich nur selten, diese Tür zu öffnen. In dem Raum der Vergangenheit hat sein echter Name einen viel zu lauten Klang.

Der junge Mann setzt sich auf die Bank. Er bemerkt seinen Nachbarn nicht. Zu sehr ist er mit sich selbst beschäftigt.

Der Alte verhält sich still, wagt kaum zu atmen. Unaufdringlich betrachtet er seinen Nebenmann. Starkes Gesicht. Die leicht gebogene Nase passt zu dem schön geschwungenen Mund. Um die schwarzen Endlos-Wimpern und das dunkle, wellige Haar werden ihn Frauen und Männer gleichermaßen beneiden. Nicht mal das kleine, etwas weich anmutende Kinn wirkt störend. Im Gegenteil. Es verleiht dem Gesicht etwas kindlich Reizvolles. Allein sein Äußeres kann ihm zu einer steilen Karriere verhelfen. Sollte er charakterlich auch noch stark sein, kann nichts diesen jungen Kerl aufhalten.

Die schmalen Hände des Jungen schließen und öffnen sich unentwegt. Der Brustkorb hebt und senkt sich nervös.

"Zu angespannt, viel zu aufgeregt", denkt Jonathan.

"Wie, was?" Erschreckt schaut Mario Miller zuerst nach rechts, dann nach links, stellt fest, dass er nicht allein ist.

Zornige Blicke aus eisblauen Augen treffen den Alten.

"Habe ich dich um deine Meinung gefragt, du Penner? Was geht dich meine Aufregung an? Lass mich bloß in Ruhe. Verschwinde!"

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Schlüsselerlebnisse Plötzlich sah die Welt ganz anders aus
Schlüsselerlebnisse
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-6-7

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