Stefan Seifert: Die StadtLeseprobeVermutlich kommt jeder Mensch irgendwann einmal in eine Situation, in der er sich fragt: Was mache ich jetzt mit meinem Leben, welches Ziel setze ich mir, welchen Weg will ich einschlagen? Die meisten Menschen stellen sich derartige Fragen gegen Ende ihrer Schulzeit, wenn es darum geht, was sie einmal studieren oder welchen Beruf sie erlernen sollen. Dann verzweigen sich die Lebenswege. Jeder schreitet auf der von ihm gewählten Bahn mehr oder weniger erfolgreich voran und entwickelt dabei besondere Fähigkeiten und Neigungen, während andere Dinge, die bisher von Bedeutung erschienen, in den Hintergrund treten und allmählich verblassen. Bei mir war das alles leider nicht so einfach. Nach dem Abitur versuchte ich einmal dies und einmal jenes, konnte aber nirgends so recht heimisch werden. Ich wusste nur, dass ich irgendetwas Künstlerisches machen wollte. Doch meine Vorstellungen davon waren sehr verschwommen. Ich malte und zeichnete, schrieb gelegentlich Gedichte und las exzessiv. Doch das ergab noch keinen Beruf, mit dem man sein Brot verdienen konnte. Schließlich wurde ich Gehilfe eines Plakatmalers. Dieser hatte seine Werkstatt in einer schmalen Gasse, in einem ehemaligen Laden. Er arbeitete hauptsächlich für die zwei Kinos der Stadt, indem er Bilder der Schauspieler und markante Filmszenen mit Hilfe eines durchnummerierten Liniennetzes von den Filmprogrammen auf große Pappwände übertrug. Im Lauf von Jahrzehnten hatte er eine routinierte Geschicklichkeit erworben. Auf seinem Gebiet galt er als gestandener Künstler und seine Kreationen wurden von den Angestellten der Filmtheater ehrfürchtig bestaunt. Jeden Freitag war Programmwechsel, und dann schafften wir die Kolossalgemälde zu ihrem Bestimmungsort. Herr Krämer, der Maler, trug dabei einen weißen Kittel und eine Baskenmütze, wodurch er zugleich professionell und bohèmehaft wirkte. "Das sind echte Kunstwerke, die Ihnen da jede Woche gelingen, Herr Krämer", sagte der Kinodirektor, ein kleiner, dicker Mann, der sich die Haare in fettigen Strähnen über seine Halbglatze legte, immer wieder. "Das macht Ihnen keiner nach. Sie sind ein wahres Genie. Ihre Bilder sind so lebendig und beeindruckend. Sie scheinen förmlich von der Leinwand herabgestiegen zu sein. Man sollte Ihre Werke einmal in einer Galerie ausstellen." "Kunst kommt eben von Können und nicht von Wollen, sonst hieße es nicht Kunst sondern Wulst", pflegte Herr Krämer dann gerne zu sagen. Mit dieser Bemerkung zielte er auf Leute wie mich, die zwar Rosinen im Kopf hatten, aber sonst nichts zu leisten vermochten. Zu jener Zeit nahm ich regelmäßig Mal- und Zeichenstunden an einer Abendschule. Von besonderem künstlerischen Wert schien mir der Unterricht dort nicht zu sein und ich machte auch keine großen Fortschritte. Ich ging aber dennoch hin, da ich die Hoffnung nicht aufgab, vielleicht doch noch ein reguläres Kunststudium aufnehmen zu können und Maler zu werden. Das Abendstudium zählte als Vorbereitungskurs für die Akademie, was sich bei einer Bewerbung vorteilhaft auswirkte. Ich war nicht untalentiert, aber auch nicht gerade herausragend. Wir machten Studien nach der Natur, Stillleben, Figuren, Porträts oder Landschaften; und der Lehrer, ein regional bekannter älterer Künstler, zeigte uns allerlei Tricks und Kniffe, mit deren Hilfe wir unsere Arbeiten interessant gestalten konnten. Zum Beispiel, wie man Lichter setzt und die Schatten effektvoll betont, wie man mit verschiedenen Techniken arbeitet oder perspektivische Wirkungen erzielt. Auch jemand, der eigentlich nur wenig Talent besaß, konnte so mit Fleiß und ein wenig Geschick im Laufe der Zeit vorzeigbare Arbeiten zustande bringen. Für Hobbymaler war das ganz gut und nützlich. Hatte man aber ernsthaftere Ambitionen, brachte es einen nicht weiter. Im Grunde unterschied es sich nicht allzu sehr von dem, was Herr Krämer machte. ![]()
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