Heike Schwarze: Missis Sippi's BluesLeseprobeDer Tag, an dem sie Rosie Townsends Fahrrad aus dem Fluss zogen, war ein Tag, an dem ich wie so oft oben am Fenster stand und mich fragte, wie die Zukunft wohl sein wird. Es war ein regnerischer Tag im Juli, es regnete schon seit Wochen fast pausenlos, und der Fluss war an mehreren Stellen über die Ufer getreten. Der alte Bradley meinte, wenn man sich bei der Strömung in die Fluten stürze, käme man auf einem Baumstumpf schiffend an einem Tag bis nach Louisiana und weiter, vorausgesetzt, man überlebe den Ritt. Dann kicherte er wie ein alter Mann, der schon zu oft vom Pferd gefallen und wieder aufgestanden und davon ein wenig wunderlich geworden ist, und steckte sich seine Pfeife zwischen die eingefallenen Lippen, wie er es immer zu tun pflegte. Er saß mit Sicherheit unten auf der Veranda in seinem Schaukelstuhl, lauschte dem Trommeln des Regens auf dem Vordach - wenn er es überhaupt noch hören konnte - und paffte ein paar schwache Züge, die seiner alten Lunge nun auch nichts mehr anhaben konnten, als Jeffersons klappriger Truck aus der Earlington kommend in unsere Straße einbog und langsam an unserem Haus vorbeituckerte, mit dem Fahrrad hinten auf der Ladefläche. Das Fahrrad war grün, ich hatte es oft vor der Schule stehen sehen, an den dritten Laternenmast hinter der Turnhalle gekettet, mit einem Zahlenvorhängeschloss aus Metall. Die Kombination wählte Rosie jeden Monat neu, aus Angst, jemand könnte ihr das Fahrrad stehlen. Sie liebte es über alles, es hätte ihren Dad mindestens 50 Dollar gekostet, sagte sie oft. Wir anderen verstummten dann oder wollten auf einmal lieber über Gummitwist und neue Sorten von Icecream reden. Wir wünschten uns alle nichts sehnlicher als ein 50$-Rad zu Weihnachten. Rosie hatte ihr Fahrrad zu Weihnachten bekommen. Wir bekamen keins. An den Lenker hatte sie dünne braune Lederbänder gebunden, auf die kleine Perlen aus Plastik aufgefädelt waren, diese Bänder hatten es mir angetan. Sie machten mich fast verrückt. Ich hätte alles für solche Bänder mit bunten Perlen gegeben, solche, die in der Sonne glänzten, solche, wie an Rosie Townsends Fahrradlenker gebunden waren. Jetzt war das Fahrrad rostig, und wenn ich auch nicht viel erkennen konnte, dann dass die Bänder fehlten. Das sah ich. Ich stand oben am Fenster. Das Fahrrad war jetzt rostiger als Jeffersons alter Truck, der Lack schien sich vollständig aufgelöst zu haben. Die Bänder waren abgerissen. Ich sah es selbst durch den dichten Regenschleier. Der alte Bradley sagte später, die Strömung, die Strömung, mit der man bis nach Louisiana und weiter reiten könne, die habe wohl die Farbe abgerieben, den 50$-Lack. Es solle ihn nicht wundern, wenn die Fische, die sie in den nächsten Wochen weiter unten flussabwärts fangen würden, alle grüne Sprenkel auf den Schuppen und in den Kiemen hängen hätten, tausend grüne Sprenkel von Rosie Townsends Fahrrad, sagte er. Jetzt hörte ich ihn nicht. Der Regen donnerte an die Scheiben, an dem Tag als sie Rosies Fahrrad aus dem Fluss zogen, das grüne, verrostete Fahrrad mit den abgerissenen Lederbändern am Lenker, das Fahrrad, das Rosies Vater mindestens 50$ gekostet hatte und um das wir sie alle beneidet hatten. ![]()
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