Bernadette Reichmuth: Das Lied des MonitorsLeseprobe"Ich habe Angst", sagte meine Mutter und ihr Kinn zitterte. Zuerst glaubte ich, mich verhört zu haben. Ein Blick in ihr zerknittertes Gesicht bestätigte jedoch meine Wahrnehmung. Es war ja nicht so, dass sie keinen Grund zur Angst gehabt hätte - eine große Operation in ihrem hohen Alter mit einem völlig ungewissen Ergebnis, wer würde sich davor nicht fürchten? Das Ungewöhnliche war also nicht, dass sie Angst hatte. Sondern dass sie es zugab, wenn auch nur für die kurzen Augenblicke einiger Herzschläge. Wie eine Tür, die sich für Sekunden einen Spaltbreit öffnet und einen Blick auf das gestattet, was dahinter verborgen liegt. Gleich darauf verschloss sich ihr Gesicht wieder und sie zog in vertrauter Bewegung die mageren Schultern hoch und den Rücken gerade. Ich weiß nicht, ob ich sie in dieser einen Sekunde wirklich in die Arme hätte nehmen können. Ihre Augen baten darum. Doch der Augenblick war vorüber, noch ehe ich mich mit der Frage auseinandersetzen musste, ob ich es für dieses eine Mal doch gekonnt hätte. Ich konnte meine Mutter nie umarmen. Wenigstens nicht aus freien Stücken. Man kann nicht geben, was einem gestohlen wurde. Diebstahl bleibt Diebstahl, auch wenn der Beweggrund dafür Hunger ist. Aber ein Kind kann den Hunger eines Erwachsenen niemals stillen. Als ich alt genug war, um meine Erinnerungen allmählich zu klären und einzuordnen, habe ich gelernt, mich zu verweigern und das Unmögliche nicht mehr von mir verlangt. Allmählich entwickelte ich die Kunst des unauffälligen Ausweichens bis zur Perfektion. Ich denke, sie hat es dennoch gemerkt. Und der Hunger in ihren Augen blieb. Die ganze Zeit, die ganzen Jahre hindurch. Ich wusste es, sah es; ich war auf der Hut und fühlte mich schuldig. Ich glaube, dass Schuldgefühle den Platz für das Mitgefühl versperren. Bei mir war es jedenfalls so. Bis zu jenem Augenblick, als sie diesen einen unerwarteten Satz sagte - ich habe Angst. In diesem Augenblick musste ich mich nicht vor ihr hüten. In diesem Augenblick konnte ich ihre kalten, papierhäutigen Hände in meine nehmen. Ganz flüchtig und am Rande meines Bewusstseins stellte ich fest, wie verloren und hilflos sie waren, diese Hände. "Wir gehen morgen zusammen ins Krankenhaus. Und übermorgen bin ich bei dir, bis du in den Operationssaal kommst. - Und wenn alles vorbei ist und du wieder aufwachst, werde ich wieder da sein." Ja, sie fühlten sich richtig an, diese Worte. Und gut. Genauso gut wie ihre Hände zu halten und zu streicheln. Ihren Körper konnte ich nicht halten, aber ihre Hände. Wir schliefen beide nicht besonders viel in dieser Nacht. Mehrmals hörte ich sie aufstehen. Sie rumorte in den Schränken, zog Schubladen auf und zu und humpelte vom Schlafzimmer in die Küche und wieder zurück. Hin und her und hin und her, obwohl die Tasche für den Spitalaufenthalt längst gepackt und auch sonst alles Nötige erledigt war. Ich lag in der Stube auf dem ausgezogenen Sofa und stellte mich schlafend. ![]()
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