Reinhard H. Kludas: Als jedes Ende ein Beginnen warLeseprobeEin sternenklarer Februarhimmel spiegelte sich in der schneelosen Eisfläche. Der aufgehende Wintermond mit seinem kalten Licht begleitete uns auf dem glitzernden Eis bis zum vermeintlichen Ende, da, wo am Horizont eine aus Eichenpfählen grob gezimmerte mächtige Brücke die beiden Ufer des Wintersees überspannte. Einst rollten mit Feldfrüchten beladene Lorenzüge darüber. Nun aber rosteten die Gleise vor sich hin. Gespenstisch wirkten die Silhouetten der niedrigen Weidenbüsche, die im Sommer, wenn die Wiesen nicht überschwemmt waren, die Schlängellinie des Flusslaufs kennzeichneten. Wir mieden jetzt diese Stellen, da um sie herum das Eis meistens nicht trug. Am Abend, wenn die Jüngeren bereits zu Hause waren, gehörte uns das riesige Eismeer, auf dem wir unsere beginnenden Kräfte erprobten und mit unserem Können wetteiferten. Wiederholt spürten wir, dass uns die Mädchen aufmerksam beobachteten. Sie spornten uns zu unglaublichen Leistungen und manchen waghalsigen Kunststücken an. Ihre durchdringenden Blicke faszinierten uns, besonders wenn sie einem Bestimmten galten, der dann mit vergrößerter Willlensanstrengung den Empfang bestätigte. Sobald sich jedoch ein Blick gezielt wiederholte, war man so erregt, dass für Sekunden alle Aktivitäten gelähmt waren. Noch konnten wir mit dem Gefühl nichts anfangen, doch die Freude auf den nächsten Abend war plötzlich so ganz anders. Nicht das Schlittschuhlaufen zog uns aufs Eis, sondern das Zusammentreffen mit den Mädchen. Auch an diesem Abend drehten wir, die Mädchen sehnlichst herbeiwünschend, wie zufällig und vorgeblich mit uns selbst beschäftigt, einige Runden, bis sie endlich vor uns standen und uns mit beiläufigen Bemerkungen zu einem Gespräch animierten. Wir redeten zumeist nur über Nebensächliches oder ganz Allgemeines und waren peinlich darauf bedacht, unser wahres Streben zu verhüllen. Nur ganz verborgen wurde Interesse für jemanden gezeigt. Dennoch machte alles, was gesagt wurde, neugierig, jedes Wort war für uns wichtig und fesselte uns so, dass man manchmal sogar sein eigenes Herz schlagen hörte. Welch ein Augenblick! "Verweile doch, du bist so schön!" Als wir uns vom Ufer entfernten, herrschte eine atemlose Spannung. Das Gefühl für Zeit und Raum war uns verloren gegangen. Fünf Mädchen und fünf Jungen trieb die Weite des Eises und das noch Unerklärliche. Die Schlittschuhe hatten wir längst abgeschnallt, als unser Dialog immer mehr versiegte und wir wortlos fragend dahinschlitterten. Der nun schon höher stehende Mond mag den Mädchen die befreiende Idee eingegeben haben, ein Lied anzustimmen. Sie sangen ein in den 50er Jahren oft gehörtes und gesungenes Liebeslied, zweistimmig und alle drei Strophen. Wir lösten uns von der bedrückenden Stille und lauschten dem Gesang. Die Loreley auf dem Rheinfelsen hat wohl kaum eine größere Macht entfaltet. Unter dem frostigen Sternenhimmel erstrahlten fünf anmutige Augenpaare und gingen auf in den unbefangenen, fast noch kindlichen Stimmen. Kein Widerspruch zwischen diesem frühlingshaften Frohlocken und der so eiskalten Zeit störte unser erstes Sehnen nach einem noch unbekannten Vereinen. ![]()
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