Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe

Leseprobe

Schweigeminuten


Ihnen fehlten Augen. Die geschlossenen Lider waren es, die anfangs irritierten. Unverkrampft verschlossen zwar, aber ohne Chance, in den Gesichtern lesen zu können. Unheimlich irgendwie. Genial inszeniert. "Die könnten jetzt an alles denken. Gott. Kinder. Leiber aufschlitzen. Ficken." Thomas Gregorian kicherte. Ihm gefiel, was er sah. Warten auf irgendwen. Irgendwas. Er betrachtete das Bild genauer. Vermutlich eine spiritistische Sitzung, schätzungsweise in den 30ern gemalt. Die junge Frau, die gemeinsam mit ihm auf den Speicher der alten Villa geklettert war, verzog angewidert das Gesicht: "Scheußlich. Das macht mir Gänsehaut." Thomas Gregorian grinste. "Absicht, vermute ich." Er hatte Edgar Gregorians Bild von Staub und Spinnweben befreit und hielt es jetzt in Augenhöhe. Gregorian musste es kurz vor seinem Tod gemalt haben. Ein Bruder seines Großvaters, der auf bizarre Art ums Leben gekommen war. Man hatte ihn und seine Frau mit durchtrennten Kehlen vor dem gemauerten Kamin im Erdgeschoss gefunden. Der Mörder wurde nie gefasst, hatte auch nichts gestohlen, war wohl einfach nur hereinspaziert, um Blut spritzen zu sehen, hübsche Fontänen aus weißen Hälsen, die sich auf dem Steinfußboden verloren. Thomas starrte auf das Bild und war beeindruckt. Merkwürdig nichtssagende Szene. Trotzdem fühlte er sich eingeladen, an etwas teilzunehmen, das wichtig zu sein schien. Was war so verdammt wichtig gewesen? Gemeinsam zu träumen, zu hören, zu vögeln? Wer mit wem? Das Bild hatte was, zweifellos. Alle fünf waren elegant gekleidet und tadellos frisiert, die schöne Blonde in rotem Samt, Samt kam hin, die Brünette in moosgrünem Taft. Vielleicht Seide. Die Männer trugen ihr Haar straff nach hinten gekämmt, vermutlich klatschnass und verklebt von zu viel Pomade, aber nur so wirkte es. Sie blickten nicht auf, sahen sich nicht an. Hielten die Lider geschlossen wie im stummen Gebet. Vergruben ihre Augen, deren Farbe für den Künstler wohl bedeutungslos gewesen war, im Leeren. Leer für denjenigen, der es nicht besser wusste. Wissen konnte. Thomas klemmte sich das Bild unter den rechten Arm, durchwühlte mit der linken Hand die oberste Schublade der Kommode, auf der es gelegen hatte. Fingerte eine mit dunkelroten Rosen verzierte bräunliche Schreibkladde heraus, legte das Bild zurück, blätterte hastig, las flüchtig einige Zeilen, ordentlich datiert. Elfter Oktober 1936. Das war die letzte Eintragung. Grundsätzlich logisch. Am zwölften wurden Edith und Edgar Gregorian vor dem Kamin von einem Wahnsinnigen abgeschlachtet. Danach lief natürlich nichts mehr. Thomas war begeistert. "Ich glaub's nicht. Sieh Dir das an, Lisa. Das gehörte meiner Großtante." Lisa Thössen, die sich auf dem dunklen Speicher zusehends unbehaglicher fühlte, verschränkte die Arme vor der Brust. "Und?" "Was und?" Er klang ärgerlich. "Das ist Familie, Mann! Meine verdammte Familie. Cosa nostra, Du verstehen? Das nehm ich mit." Er drehte sich um. Sprach offensichtlich mit der Wand, verdrehte abgenervt die Augen, griff wieder nach dem Bild, steckte die Kladde umständlich in den Bund seiner Jeans. Lisa war schon auf dem Abstieg, tastete sich mit ihren Füßen, die in unpraktischen hochhackigen Sandalen steckten, vorsichtig nach unten. "Die Schlampe ist nicht mehr lange", dachte er und folgte ihr. Sah sich in einem imaginären Spiegel verschwinden, verharrte kurz auf der dritten Sprosse, die gefährlich knarrte, fühlte ein leichtes Schwindelgefühl, spürte unsinnige Panik in sich aufsteigen. Großer Gott, WAS war das? Hatte er das wirklich gesagt? Nein, gesagt nicht. Nicht gesagt. Gedacht. Er hatte gedacht: Die Schlampe ist nicht mehr lange. Er brauchte dringend Luft. Hier roch alles nach Gestorbenem.

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Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-3-6

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