Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe

Leseprobe

Für den Mörder


Höre ihn weinen. Nachts, wenn ich nicht schlafen kann. Keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Hat seinen Vater mit dem Jagdmesser abgeschlachtet, hat nach Mami gebrüllt, die längst nicht mehr war. Legte ihm ein bekritzeltes Zettelchen auf das nasse, rote Kopfkissen. "Vermisse Dich, Papa." Rief die Polizei und lief in den Regen, um sich zu waschen. War wortlos, als sie ihn mitnahmen.

Das liegt Jahre zurück. Ich war Studentin des Hoffnungslosen, nahm mich wichtig und hockte im Gerichtssaal auf der Pressebank. Die Redaktion wartete derweil auf ihr Füllzeug. Eine übel geschminkte Blondine mit aufgepolsterten Titten, die den Porsche ihres gegelten Ex im Kanal versenkt hatte. Ein Karnevalsprinz, der mir die Finger abhacken wollte, sollte ich eine Zeile über ihn schreiben. Hatte besoffen eine Politesse beleidigt, kannte die Verlegerin persönlich. Dann Sebastian. Hing bleich und dürr neben seinem braungebrannten Anwalt, der mit dem Zopf, war mir aus anderen Verfahren vertraut, wirkte tuntig, baggerte mich aber in der Zigarettenpause an. "Muss nach Frankreich. Ladung Heroin im Flügel. Flugzeug aus Welltrupp checken. Taxiunternehmen Toppas, kennt ja jeder. Ganz gerissene Brüder. Brauchst nur eine Zahnbürste, machen wir uns drei Schöne." Lehnte den Wochenendtrip ab, freundlich, hatte Döblin als Ausrede. "Hamlet. Oder die lange Nacht nimmt ein Ende." Magisterarbeit. Ging dann doch mehr in die Hose, hatte mich verfranst. Zog auf dem Flur im alten Amtsgericht, wo die Große Strafkammer über dem Vatermörder thronte, an meiner Zigarette. Dachte wieder an den blassen Jungen, auf den sie aufpassten, während wir rauchten und über Cocktails plauderten. Hatte zweimal versucht, sich während der Untersuchungshaft umzubringen. Ein Kind, das so was nicht kann. Saß da und sah nicht hoch. Sagte: "Mir egal." Klang trotzig und tot. Sagte: "Es ging nicht mehr." Blickte für uns Spanner zurück und heulte den Mond an. Schläge mit dem Gürtel, dass der Schulbusfahrer stutzig wurde. Schläge mit der Faust, die Spuren in den Augen hinterlassen. Schläge auf das Rückgrat seines besten Freundes, den Vater mit dem Jagdgewehr erschoss, weil es gebrochen war. Alles gebrochen war.

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Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-3-6

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