Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe

Leseprobe

Katharina


Katharina Gollfried war eine jener Erscheinungen, die grundsätzlich nur im Kopf stattfinden. Man sitzt in einem Zug, liest ein wirklich gutes Buch oder zumindest die Times, keinesfalls die Speisekarte mit den Preisen für Kartoffelsalat und Magenbitter, und eine völlig nasse Frau betritt das Abteil. Sieht aus, als käme sie aus der Dusche. Tatsächlich schüttet es wie aus Eimern, und sie trägt keine Jacke und ganz offensichtlich auch keinen BH. Ihr weißes T-Shirt ist hauteng und klebt an ihr, ohne grundsätzlich überflüssig zu wirken. Es gehört dazu, völlig nackt wäre sie langweilig. Die Brustwarzen sind aufgerichtet, bohren sich durch den dünnen Stoff, ohne ihn zu durchstoßen, was albern wäre. Ihr Jeansrock ist verdammt kurz und selbstverständlich auch völlig durchweicht, und ihre Füße stecken in diesen lebensgefährlichen Sandalen, deren hohe Absätze so dünn sind, dass sie Dir damit problemlos Deine Gehirnzellen oder wenigstens ein Auge weghacken könnte. Was sie aber nicht vorhat. Sie lächelt Dich an und setzt sich schräg gegenüber auf die Sitzbank. Ihr Haar ist lang und glatt und ziemlich blond, und ihre Lippen sind herrlich dick, aber nicht aufgeblasen. Sie schimmern feucht, und da ist kein lästiges klebendes Zeug drauf, sie glänzen einfach nur und sind rot von Natur aus. Die langen bronzefarbenen Beine schlägt sie übereinander, ihre Taille ist schmal, ihre Nase kurz und gerade, aber nicht stupsig, und ihre Augen sind tiefblau mit braunen Sprenkeln, die großartig harmonieren mit ihren Wimpern, überirdisch weit nach vorn und dann, an der korrekten Stelle, fast senkrecht nach oben gebogen, als hätten sie grundsätzlich vorgehabt, die Brauen zu berühren. Sie greift in ihren Rucksack und kramt ein zerfleddertes Taschenbuch hervor. Christiane und Goethe. Das muss sein, denn natürlich ist sie clever. Sie schlägt es auf, lacht, ihre göttlich weißen Zähne blitzen, klappt es wieder zu, sagt: "Schon hundertmal gelesen. Wie wär's mit einem Bier?" Sie wirft Dir eine Dose zu, es haut Dich einfach um, Du dankst wortlos, nur mit einem Kopfnicken, siehst ihr zu, wie sie sich eine Zigarette anzündet, Du selbst rauchst nicht, es ist eh' ein Nichtraucherabteil, aber das ist Dir so verdammt egal wie sonst was. Ihre Lippen öffnen sich eine geile Spur zu weit, der Mund zu breit, als würde sie essen, schlucken, lecken wollen, irgendeinen dicken süßen Lutscher. Sie nimmt einen kräftigen Schluck aus der Dose, das imponiert Dir, Lady und doch so herrlich unkonventionell, sie bläst den Rauch aus, der ihren feuchten Mundwinkeln entsteigt, aus ihren göttlich geformten Nasenflügeln entsteigt, blaugrauer Rauch, der Dich erregt, obgleich Du es nicht liebst, ihn zu riechen. Sie spreizt ihre Beine und sieht Dich an, während sie mit ihrer feinen lackierten Krallenhand die Zigarette in sich steckt, sie einsaugt, festsaugt, loslässt, sie rauchen lässt, ohne wirklich zu inhalieren.

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Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-3-6

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