Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe

Leseprobe

Seelenfrieden


Der langhaarige Poet ist tot. Jahre schon. Seine Stadt hat ihn längst vergessen. In meinem Kopf spukt er seit gestern wieder herum. Klemmt sich die grauen Haarsträhnen hinter die Ohren, steht leicht gekrümmt am Alten Markt, eine Eigenart, die zu groß, zu dünn geratene Menschen haben. Als hätten sie einen imaginären Buckel, der sie nach unten drückt. Er hatte sich einen guten Platz zum Sterben ausgesucht, vermutlich nicht kalkuliert, aber wer weiß das schon so genau. Es war Winter, es war kalt, er erfror auf den Stufen vor dem Portal der Michael-Kirche direkt vor der alten Stadtmauer. So läuft das eben. Sein Bett, die dünne Wolldecke, die er im braunen Plastikköfferchen mit all seinen anderen Schätzen jeden lausigen Tag durch Koppertshausen schleppte, ist in dieser Nacht wohl überfordert gewesen. Keine Ahnung, wo er jetzt liegt. Sein Grab ist das eines Unbekannten. Hätte ihm gern den Stein bezahlt, zumindest in meiner Vorstellung. Tatsächlich bin ich nicht barmherzig, wäre es gern, bin aber kalt wie alle. Verdränge gern und schnell. Kannte den Mann gar nicht. Er verkaufte Gedichte in der Innenstadt. Bettelte nie, stand nur da mit seinen bekritzelten Ringbuchblättern, lächelte scheu. Tatsächlich weniger scheu denn stolz, wenn ich's mir so recht überlege. Bescheiden stolz. Wie so echte Künstler eben sind. Mich hat er auch gefragt. Unvorsichtig hatte ich nicht den Blick gesenkt und war an ihm vorbeigehastet. Das geht leichter, wenn sie mit ihren Pappschildern am Boden kleben. Der hier hätte mir auf den Kopf spucken können. "Magst Du Lyrik?" Das irritierte mich. Konnte der mich nicht ganz normal um Geld anhauen? Ein Seufzen, der Griff ins Portemonnaie, zwei Geldstücke für die offene Hand mit Schmutzresten unter den Fingernägeln, ein huldvolles Zwinkern. Und weg. Das wär's gewesen. Aber so. War leicht verlegen, nickte nur. Er strahlte. "Hab' was über Seelenfrieden. Drei Versionen. Zehn Zeilen. Zwanzig. Und dreißig. Welche willst Du?" Ich nahm die längste. Die teuerste. Kostete mich umgerechnet zwei Schachteln Zigaretten. War mir egal. Wollte bloß außer Reichweite von diesen stahlblauen Augen, die zu schön und zu klug waren, um nur auf das Pflaster starren zu dürfen. Ich rollte sein Gedicht und trollte mich. Ohne mich umzuschauen. Hab's aufbewahrt, ohne es jemals gelesen zu haben. Bis gestern. Als ich damals erfuhr, dass er einfach so gestorben war, suchte ich es.

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Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-3-6

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