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Kurzgeschichten - short storys
Gottes kalte Gabe - explosiv, düster, sensibel, ironisch
Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe. Dr. Ronald Henss Verlag, 2006. ISBN 3-9809336-3-6
Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe
Dr. Ronald Henss Verlag, 2006
ISBN 3-9809336-3-6
9,90 Euro (D)

Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe

Ein totes Mädchen tanzt auf Gräbern und spielt Gott; Max Kellermann bekommt sein erstes gutes Gespräch und eine letzte Rose nach seinem großen Flug; Kurt dichtet über Zwerge und findet einen Gönner, der alles, nur das nicht sein will … und Vater weint trocken, weil gestern eben gestern ist. Die Geschichten von Karin Reddemann lassen den Leser in ein Meer von Bildern und Worten tauchen, das herrlich ehrlich nach Salz schmeckt. Gottes kalte Gabe ist eine Auswahl an Short-Stories, in denen Leben passiert. Es macht manchmal atemlos, sie zu lesen. Und es macht schlichtweg Freude.

Gottes kalte Gabe klingt schaurig gut, verspricht starke Lesemomente … und hält das Versprechen. Die Kurzgeschichten von Karin Reddemann sind unterschiedlich gefärbt, mal explosiv, düster, sensibel, ironisch. Eins ist ihnen gemeinsam: Der unverwechselbare Stil der Autorin. Lebendig, fesselnd, temporeich. Eine durchweg gelungene Mixtur.

Inhaltsverzeichnis

Gottes kalte Gabe
Goethes Liebchen
Vaters stille Brüder
Seelenfrieden
Mannis Wut
Der Eisbär
Katharina
Goethe gut
Atemlos
Rosen für
Für den Mörder
Brief an die tote Rote
Meine Toten
Zwergengünter
Schweigeminuten

 
Gottes kalte Gabe
Es war einer dieser trägen, trockenen Tage, die nicht wirklich glücklich sind. Du nimmst sie hin wie einen langen lästigen Spuk, der Deinen Körper nass und salzig macht, willst Dich bewegen, wenn Deine Nase juckt, bist aber zu faul, um sie zu kratzen. Am Abend des 19. Augusts 1983 feierte ganz Pitzbach mittelalterliches Sauerfest in Humperdinks ausgebauter Scheune ...

Goethes Liebchen
Wäre gern Goethes Liebchen gewesen. Habe dann von seinen üblen Zähnen erfahren, bedauerte und träumte nicht weiter. Küsste ihn heimlich auf die Wange, ließ ihn väterlich meine Stirn befeuchten, duldete aber seine Lippen nicht länger auf meinem Mund. War auch böse mit ihm. Hat sich lächerlich gemacht als Greis, wollte immer noch Frischblut und spuckte sein abgestandenes altes ...

Vaters stille Brüder
Mein Vater verliert sie. Einer nach dem anderen zieht in die Grube, geht wortlos und kommt nicht zurück. Egon Baumann war der Letzte, der sich klammheimlich verabschiedet hat. Sechs Monate lästiges, sinnloses Koma, boshaft noch sinnloser gemacht durch zwei Herzinfarkte und einen Schlaganfall. Eine angeratene Operation kurz vor seinem letzten großen Schlaf ...

Seelenfrieden
Der langhaarige Poet ist tot. Jahre schon. Seine Stadt hat ihn längst vergessen. In meinem Kopf spukt er seit gestern wieder herum. Klemmt sich die grauen Haarsträhnen hinter die Ohren, steht leicht gekrümmt am Alten Markt, eine Eigenart, die zu groß, zu dünn geratene Menschen haben. Als hätten sie einen imaginären Buckel, der sie nach unten drückt. Er hatte sich einen guten Platz zum Sterben ...

Mannis Wut
Mannis Geschichte war genau mein Ding. Mein erster Roman. Mein niemals ausgewürgter Alptraum. Freddy erzählte mir davon vor gut zwei Jahren. Ich war noch Student und verspürte nicht die geringste Lust mehr darauf, den Sinn irgendeines Lebens aufzuklappen und wieder zuzuschlagen. Wir haben Bücher gelesen und Bücher über diese Bücher und über die Leute, die diese Bücher geschrieben haben ...

Der Eisbär
Mein Onkel Vicente, den wir Winni nannten, um seinen Namen nicht zu verhunzen, liebte keine Frauen. Männer wohl auch nicht. Er war unser Onkel Winni, der keinen brauchte. Ein sexuelles Neutrum. Dachte ich. Wie die Seepocke, die sich selbst genügt. Tatsächlich hat er sein Leben gelebt, um für uns da zu sein. Für die billig beschmierten Frühstücksstullen seiner Stiefmutter Oma Gerda Nord ...

Katharina
Katharina Gollfried war eine jener Erscheinungen, die grundsätzlich nur im Kopf stattfinden. Man sitzt in einem Zug, liest ein wirklich gutes Buch oder zumindest die Times, keinesfalls die Speisekarte mit den Preisen für Kartoffelsalat und Magenbitter, und eine völlig nasse Frau betritt das Abteil. Sieht aus, als käme sie aus der Dusche. Tatsächlich schüttet es wie aus Eimern, und sie trägt keine Jacke und ...

Goethe gut
Der Hohlkopf legt sich doch glatt mit Goethe an! Dachte Frank Stewermann und beugte seinen Oberkörper weit, ganz weit nach vorn, um Dr. Klaus-Ernst Haferkott so nah wie möglich zu sein. Er war klein und dick, streng genommen hässlich auch noch. Aber ein Krieger. Kurzfristig fiel ihm sein Zwiebelmettbrötchen ein. Das roch der Typ jetzt wohl. Geschah ihm recht. Wirkte verwirrt ...

Atemlos
Am 22. September 2002 gegen 03.45 Uhr wurde ich von den Ruhelosen geweckt. Es war, als würde jemand lautlos in mein Gesicht husten, das warm und feucht von Speicheltropfen war, die auf meiner Stirn und meinen Wangen perlten und die der Glaube meiner furchtsamen Ahnen hätte verbieten müssen. Ein Glaube, der nicht wirklich meiner war, weil das blütenweiße Hemd und das silberne Kreuz …

Rosen für Max
Manchmal zerplatzt mein Freund Max heute noch in meinen Träumen. Ich sehe, wie er in dieser lausig kalten Dezembernacht mit seinen dünnen Ärmchen in der Luft rudert. Ein alberner kleiner Engel, unselig mutiert, ohne Flügel, ohne Chancen, der einfach so aus seiner Wolke purzelt. Sein schäbiges Blouson bläht sich auf, als würde ein verwaschener Ballon aus seinem Rücken wachsen, irgendein …

Für den Mörder
Höre ihn weinen. Nachts, wenn ich nicht schlafen kann. Keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Hat seinen Vater mit dem Jagdmesser abgeschlachtet, hat nach Mami gebrüllt, die längst nicht mehr war. Legte ihm ein bekritzeltes Zettelchen auf das nasse, rote Kopfkissen. „Vermisse Dich, Papa.“ Rief die Polizei und lief in den Regen, um sich zu waschen. War wortlos, als sie ihn mitnahmen …

Brief an die tote Rote
Ich vermisse Dich, meine eitle Schöne. Wolltest nie Mama genannt werden, warst „La Roja“, für jedes Deiner schrillen Haustiere, denen Du die Wangen hinhieltest, um von ihnen besabbert zu werden. Künstlerfreunde. Leider auch für mich. Feuerrotes Haar, markant kurz geschnitten, wie ein starker Flieger es trägt, Designerteller an den Ohrläppchen, violett gesprenkeltes Brillengestell. Bunter Poncho …

Meine Toten
Die Toten rühren mich. Ich schlendere an ihnen vorbei und wage verstohlene Blicke. Manchmal schlucke ich, bin ein sentimentaler Hund, weiß aber keiner. Denke an die unnützen Knochen, die da liegen, vermutlich nicht mehr liegen, denke an ungelebte Lust und verfluche kurzfristig meine eigene, die zu offensichtlich ist, um wahrhaftig zu sein. Kommt mir so nichtig vor. Verdammt junge Kerle …

Zwergengünter
Kurt Bitterloh sah aus wie der Berater des Präsidenten. Vor Jahren habe ich in einem dieser genialen Gespenstercomics, die ich damals massenweise auf dem Klo meiner schrulligen Tante Elsbett von Wickertsmühle verschlang, über das brutal-tragische Ableben des Beraters Johnny Anthony Moore gelesen, der den größenwahnsinnigen Präsidenten Alf E. Wright und seine verlotterte Bande nicht …

Schweigeminuten
Ihnen fehlten Augen. Die geschlossenen Lider waren es, die anfangs irritierten. Unverkrampft verschlossen zwar, aber ohne Chance, in den Gesichtern lesen zu können. Unheimlich irgendwie. Genial inszeniert. „Die könnten jetzt an alles denken. Gott. Kinder. Leiber aufschlitzen. Ficken.“ Thomas Gregorian kicherte. Ihm gefiel, was er sah. Warten auf irgendwen. Irgendwas. Er betrachtete das Bild genauer …


Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe. Dr. Ronald Henss Verlag, 2006. ISBN 3-9809336-3-6 Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe. Dr. Ronald Henss Verlag, 2006. ISBN 3-9809336-3-6 Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe. Dr. Ronald Henss Verlag, 2006. ISBN 3-9809336-3-6 Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe. Dr. Ronald Henss Verlag, 2006. ISBN 3-9809336-3-6
 

Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe