LeseprobeAndrea Spakowski: Das Weihnachtslied der Wildnis"Weißt du eigentlich, was das Schönste an der kanadischen Weihnacht ist?", fragte Mike und sah mir lächelnd ins Gesicht. Zögernd schüttelte ich den Kopf und wartete auf eine Antwort. Es war das erste Weihnachtsfest, das ich nicht daheim mit meinen Eltern in Deutschland verbringen sollte. Gerade mal fünf Wochen war es her, dass ich Mike in die kanadische Wildnis gefolgt war. Eigentlich hatte ich nur den Sommer über ein Praktikum für mein Studium in Kanada machen wollen. Doch als Mike und ich uns während dieser Zeit begegneten, war bald klar, dass ich länger bleiben würde. Mike war ein ganz besonderer Mensch. Das war mir gleich bei unserer ersten Begegnung aufgefallen. Seine Art, die Dinge zu betrachten, hatte etwas Magisches, fast schon Mystisches, und öffnete mir das Tor zu einer anderen Welt. Einer Welt so einfach und schlicht, wie sie sich jeder wünscht und doch kaum einer will. Für Mike gab es keine Gegensätze wie Reichtum und Armut, Treue und Verrat, Stärke und Schwäche oder Mut und Feigheit. "Gegensätze spalten die Menschen in zwei unterschiedliche Lager, zwischen denen eine schier unüberwindbare Kluft liegt. Und das, obwohl die gesamte Schöpfung dieser Erde von der Natur eigentlich als feste Einheit, als ein stetes Miteinander gedacht war", pflegte Mike seine Sichtweise zu erklären. Die Welt, in der er lebte, zog mich in ihren Bann und ließ mich nicht mehr los, ohne dass es mir jedoch Angst eingejagt hätte. Mit Mike war ich so glücklich wie nie zuvor in meinem Leben und ich wollte dieses Glück um keinen Preis mehr hergeben. Jeden Tag lehrte er mich etwas Neues, zeigte mir Dinge, die ich ohne ihn trotz ihrer allgegenwärtigen Existenz niemals wahrgenommen hatte. Daher überraschte es mich auch nicht, als Mike mir in jener Nacht diese Frage stellte. Nur zu gut wusste ich, dass er mir dadurch einen weiteren Bestandteil seiner Welt näher bringen wollte. Das, was Mike bei seiner Frage gemeint hatte, bezog sich gewiss nicht auf eine landestypische Tradition oder gar eine damit verbundene materielle Wertigkeit. Vielmehr musste es etwas sein, das sich fernab von allen materiellen Dingen und kulturellen Werten abspielte. Draußen in der kanadischen Wildnis wurde mit anderen Maßstäben gemessen als in den bevölkerungsreichen Zivilisationen. Hier zählten noch Dinge, von denen die meisten Menschen in den Städten und Metropolen nicht einmal ahnen, dass sie existieren: tiefe, baumreiche Wälder, so weit das Auge reicht, die Luft so rein und klar, dass nur ein einziger Atemzug genügt, um den ganzen Körper mit purem Sauerstoff zu durchfluten, Flüsse und Seen, aus denen man noch frisches, sauberes Wasser trinken kann, und vor allem ... Stille! Ich meine die wirkliche Stille. Die Stille, die einen manchmal fast glauben macht, dass man taub sei. Die Stille, die selbst das Fallen einer Stecknadel zu ohrenbetäubendem Lärm werden lässt. Doch all das konnte Mike nicht gemeint haben. Es war etwas anderes, etwas Neues, das ich bisher noch nicht entdeckt hatte und das er mir gerne zeigen wollte. Geduldig harrte ich seiner erklärenden Worte. Mike redete nie viel. Er ging mit seinen Worten sparsam um und wählte sie genau aus, bevor er etwas sagte. Immer wieder sog er die kalte Nachtluft ein und starrte nachdenklich vor sich hin.
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