LeseprobeHelmut Wemer: Brief nach CincinnatiLiebste Sarah!
Heuer haben wir nach langem wieder einmal weiße Weihnachten. Auch heute, am Stephanitag, schneit es noch immer. Das erinnert mich daran, wie die Kinder des Dorfes damals im Schnee herumtollten und Dein Vater Dich hochhob, damit Du aus der Dachluke hinuntersehen konntest. Du sagtest: "Ich auch spielen" - und es brach mir fast das Herz. Ich ging hinunter und brachte einen Eimer mit Schnee herauf, und wir machten Schneebälle und bewarfen uns damit. Aus dem Rest baute Dein Vater einen kleinen Schneemann, aber der schmolz rasch und Du warst wieder traurig. Die Kammer unterm Dach mit dem versteckten Eingang gibt es immer noch und ich habe nichts verändert. Sogar eine Kiste mit altem Spielzeug ist noch oben und das kleine Gitterbett, in dem erst meine Tochter gelegen hatte, dann Du. Und nun stell Dir vor, Sarah, jetzt liegt wieder ein Mädchen darin. Es ist schwarz - früher hätte man gesagt ein richtiges Mohrenkind - und gottlob gesund. Und es wurde am Heiligen Abend geboren. Nun willst Du sicher wissen, wie das alles gekommen ist. Also: Ich sitz am Heiligen Abend allein zu Haus - seit Maria gestorben ist, hab ich ja niemanden mehr - da klopft jemand an mein Fenster. Ich schau hinaus und erschrecke fast zu Tode, denn ich blicke geradewegs in ein schwarzes Gesicht. Ich öffne die Tür - da stehen ein Mann und eine Frau in Schnee und Kälte, zitternd und mit Angst in den Augen. Die beiden waren nicht nur erschöpft und völlig durchnässt, was noch schlimmer war: Bei der Frau hatten die Wehen eingesetzt. In schlechtem, aber doch verständlichem Englisch erzählte mir der Mann, dass sie mit einigen anderen Illegalen in einem Lastwagen versteckt über die Grenze gekommen sind. Als die Schlepper merkten, was mit seiner Frau los war, blieben sie einfach in der Nähe meines Hauses stehen und zwangen die beiden auszusteigen. Stell Dir vor, liebe Sarah, ausgerechnet bei meinem Haus! Gegen Mitternacht kam dann die Kleine zur Welt - im gleichen Bett, in dem Du damals vor 64 Jahren geboren wurdest.
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