LeseprobeKarin Reddemann: Liebe Lüge im SchneeMein Großvater Ebsche Pittermann, Sohn eines Lokomotivführers und mit den hanebüchenen Abenteuern aus einem klapprigen Zug-Cockpit aufgewachsen, konnte lügen, dass sich die Balken bogen. Sein eigenes Vergnügen an Geschichten, die nicht stimmten, ihm selbst aber großartig gefielen, war für ihn reine Regiearbeit. Schluckt's oder glaubt mir eben nicht, aber wenn nicht, beweist mir gefälligst das verdammte Gegenteil! Selbst Weihnachten war ihm nicht heilig. Zu meinem blanken Entsetzen, denn dass er mich derart derb angekrückt hatte mit seinen Krippenfiguren, konnte ich ihm damals nicht so leicht verzeihen. Seine einmalige Art, mit der Wahrheit umzugehen, ist Legende. Heute raunt die Familie grinsend, wenn sie von Großvater Ebsche spricht: "Was der sich so alles ausgedacht hat …" Das habe ich nicht unbedingt schnell herausgefunden. Er erzählte mir, mal beim Zirkus Krone am Trapez gehangen zu haben, nur mit dem Mund. Und dann hätte er sich um die eigene Achse gedreht, schneller und schneller, während seine Zähne sich festgebissen hatten in der Kordel und er dort oben hing in zehn Metern Höhe ohne Netz. Das hatte mich aufs Schwerste beeindruckt. Natürlich war das erfunden. Wie auch seine Geschichte von den Tanzbären im ersten Weltkrieg in Russland, die er von ihren Nasenringen befreit hatte. Ich stiefelte an diesem Tag irgendwann vor irgendeinem Heiligabend mit Großvater Ebsche und Langhaardackelhündin Illha durch den Schnee auf einem Acker in der Nähe meines Elternhauses, der an den Köttelbach grenzte. Ab und an schwammen dort einige abgeklärte Enten herum, aber jetzt war er zugefroren und mausetot. Überhaupt war alles still, selbst der Hund sah nichts, was anzukläffen sich gelohnt hätte. Nur mein Großvater keuchte, das war sein Asthma, und während er ungesund japste, stapfte ich unzufrieden neben ihm her, starrte in den Schnee und wünschte mir was. "Wenn ich jetzt was finden würde. Irgendwas." Mein Großvater schüttelte den Kopf. "Du findest aber nichts." Das war deutlich. Ernüchternd auch. Ich dachte an meine Schwester Clara. Die hatte im vergangenen Jahr zu Weihnachten eine Puppe ohne Schuhe geschenkt bekommen. Mir war das prinzipiell egal gewesen, aber Clara hat ein Mordstheater veranstaltet. Keine Schuhe. Welch Drama! Wieso keine Schuhe? Komplett angezogen, komplett frisiert. Aber schuhlos. Meine armen Eltern waren völlig fertig und beleidigten sich gegenseitig, weil ja irgendjemand dafür verantwortlich sein musste, dass da mächtig was schief gelaufen war.
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