LeseprobeIngrid Kubisch: Dem Weihnachtsmann lüftet sich die KapuzeDas Telefon klingelte. Werner ließ den Stiefel fallen, angelte nach dem Hörer und säuselte "Susanni, susanni, susanni ..." "Bist du bald so weit?" Es war Joe, sein Schwager und Vater von sechs Gören, die er, Werner, heute als Weihnachtsmann zu bescheren hatte. "Wenn alle fünf Minuten jemand anruft um zu hören, ob ich so weit bin, dann könnt ihr lange warten. Du bist jetzt der Dritte, der mich stört. Übrigens kannst du meiner Schwester ausrichten, dass ich meine normalen Schuhe anziehen werde. Diese Stiefel kommen aus der Zeit der Inquisition, das reinste Marterwerkzeug. Außerdem kann man mit diesem Wattebart keine Zigarette rauchen!" "Lampenfieber, was? Mach bitte Dampf, die Kinder sind kaum noch zu bändigen!" "Kann ich dafür, dass du dich nicht zusammenreißen kannst und gleich sechs von der Sorte haben musst? Okay, okay", lenkte er beschwichtigend ein, "aber sorge dafür, dass das Bier kalt ist." Werner beeilte sich. Fünf Familien musste er besuchen. Das hatte man davon, wenn man der einzige Junggeselle in einer großen Familie war. Schnell schmierte er noch weiße Schuhcreme auf den angesengten Bart, setzte sich das glaslose Brillengestell auf die Nase und zog die rote Kapuze über seinen Kopf. "Wenn das man gut geht!", murmelte er. Sein Spiegelbild überzeugte ihn überhaupt nicht. Auch nicht, als er mit der Rute schreckliche Drohgebärden ausführte. Er schnappte sich die fünf Jutesäcke, alle säuberlich beschriftet, schloss die Tür seiner Hinterhofwohnung, warf die Säcke nicht gerade sanft auf die Ladefläche seines Kleinlasters und fuhr los. Mann, war das eine Hitze heute und er steckte in diesem blöden Weihnachtsmanngewand! Als er an der Ampel auf Grün wartete, hupte es neben ihm. Werner blickte hinüber und staunte nicht schlecht: Im anderen Wagen saß noch einer von seiner Spezies! Der andere Weihnachtsmann prostete ihm mit einer kleinen Bierflasche, einem "Dumpie" zu. Dann griff er neben sich und schon kam eine Bierflasche durch das offene Beifahrerfenster geflogen. Gekonnt fing Werner sie auf - geübt ist geübt! Er strahlte über beide rot gefärbten Weihnachtsmannbacken, hob grüßend die Hand und fuhr weiter. Er fühlte sich nun beträchtlich wohler - nicht nur des Bieres wegen, auch weil es noch andere arme Schweine gab wie ihn. Als er an dem großen Parkplatz in der Windhoeker Innenstadt vorbeifuhr, erblickte er eine Weihnachtsmannversammlung. Lauter arme Schweine wie er. Und ganz viele Bierflaschen! Eine Kehrtwendung und schon war er da. Bei einem Treffen seiner Zunft durfte er nicht fehlen! Wie es bei Weihnachtsmännern so Sitte ist, wurde Werner freudig und lautstark begrüßt. Der einzige Punkt auf der Tagesordnung schien die Kräftigung der Weihnachtsmannseele mittels Ausschank "geistiger" Getränke zu sein - alles, um die Unbilden der weihnachtlichen Bescherung gut überstehen zu können. Werner war überrascht über die phantasievollen Trinksprüche, welche die Weihnachtsmänner so von sich gaben. Das hätte er seiner Zunft gar nicht zugetraut. Solchermaßen gestärkt, manche mehr als andere, machten die Weihnachtsmänner sich auf ihren jeweiligen Weg.
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