LeseprobeKiané Novinshoar: Das Fest der LiebeIch weiß nicht, warum ich mich breitschlagen ließ, über Weihnachten mit in dieses Haus am Meer zu fahren, weiß es wirklich nicht. Als ich aus dem frühlingshaften Melbourne zurückkehrte, war bereits der erste Advent, die Startzählung zum größten gesellschaftlichen Showdown des christlichen Abendlandes hatte begonnen, und ich war noch nicht bereit. Ich rede nicht vom Geschenkerummel, vom Weihnachtsbaum und vom Adventsgesteck, das sind nur Äußerlichkeiten. Ich rede von der Notwendigkeit, im sozialen Ranking zu bestehen, Farbe zu bekennen, bei Kerzenschein und Lebkuchen. Mir wurde schnell klar, dass ich in diesem Jahr noch nicht einmal eine Dreihundert-Kilometer-Fernbeziehung vorzuweisen hatte, seit ich mich vor dem Australien-Urlaub von Mark getrennt hatte, geschweige denn geniale Kinder, ein Häuschen im Grünen, eine atemberaubende Karriere. Hoffnungsloser als ich ist nur noch meine Freundin Betty. Seit ihre große Liebe Olli sie verlassen hat, begibt sie sich jedes Jahr pünktlich zum vierten Advent in den Skiurlaub, ganz allein. Offizielle Begründung: Sie findet das Fest überbewertet, und wenn es denn sein müsste, käme sie mit Bergpanorama und Schnee schon besser in Stimmung. Spätestens wenn sie im Dorfcafé auf die schmutzig-grün-braunen Weiden blickt, packt sie das heulende Elend. Sie bombardiert uns alle mit Textnachrichten, bis sich endlich ein williger Skilehrer findet, dem sie sich hingeben kann, wenn die Schneekanonen versagen. Hier in diesem Nordseekaff gibt es noch nicht einmal einen Skilehrer! Gestern sind wir angekommen. Die Nachzügler, ein gewisser Sebastian und ich. Die anderen sind schon seit Samstag da, aber es soll ja auch Leute geben, die es sich nicht leisten können, die Feiertage über zwei bis drei Wochen auszudehnen. Ich arbeite als Sekretärin bei einem mittelständischen Verpackungshersteller, wir liefern sogar bis nach Asien. Meine Tante hat zu meiner Mutter gesagt: "Ach, da hätte man ja erwartet, dass mehr aus ihr wird. Sie war doch sehr begabt, in ihrem Studium." Aber ich mag die Arbeit mit Menschen. Zur Weihnachtszeit ist es übrigens ganz praktisch, in der Verpackungsmittelindustrie zu arbeiten. Gewisse Papierdöschen lassen sich, wenn man die Kreativität eines Adventsnachmittags mit Glühwein walten lässt, sehr schön zu individuellem Christbaumschmuck umgestalten. Aber der Baum ist schon geschmückt. Wozu ich meinen handbemalten Pappschmuck noch mitbringen sollte, weiß ich nicht. Am liebsten würde ich ohnehin gleich wieder nach Hause fahren, aber für die nächsten Tage sitze ich mit sieben spielwütigen Freunden in dieser Einöde fest. Schon nach dem Frühstück "Mensch ärgere dich nicht".
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