Leseprobe20. Dezember: Unfrohe WeihnachtenWie wunderhübsch war dieses kleine Dorf! Judith drückte sich die Nase an der Schaufensterscheibe platt. Eine Kirche, schneebedeckte Häuschen unter überzuckerten Tannen, ein Weihnachtsmarkt, sogar richtige Laternchen gab es. Ja, so stellte sie sich Weihnachten vor. Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn. Heute war der 24. Dezember und die Sonne brannte vom sommerblauen Himmel. Leicht gekleidete Menschen drängten sich in den glühenden Straßen. Auch Judith trug nur ein T-Shirt, eine kurze Hose und Sandalen. "Komm, wir müssen zurück", rief ihr Vater. Sie warf noch einen sehnsüchtigen Blick auf das Winterdörfchen und folgte ihm. Es tat gut, aus dem grellen Sonnenlicht ins Haus zu treten. Mrs Johnson, Ruth und ihre Mutter kamen ihnen entgegen. "Mrs Johnson möchte wissen, wie dir Sydney gefällt", dolmetschte Ruth für ihre kleine Schwester. "Ich komme mir hier vor wie im falschen Film", brummte Judith. Ihre Mutter warf ihr einen warnenden Blick zu. Was Ruth übersetzte, verstand Judith nicht, aber Mrs Johnson lachte und nickte. Dann gingen die beiden Mütter zurück in die Küche, wo sie das Picknick für den Abend vorbereiteten. Judith setzte sich zu Mr Johnson, Ruth und Liz ins Wohnzimmer. Im Fernsehen lief eine weihnachtliche Sendung. Jemand sang: "I'm dreaming of a white Christmas". Was das hieß, wusste sie: Ich träume von weißer Weihnacht. O ja, davon träumte sie auch. Missbilligend betrachtete sie den Christbaum, den die Johnsons aufgestellt hatten. So etwas Hässliches hatte sie im Leben noch nicht gesehen. Keine echte Tanne, sondern Plastik. Seit dem 15. Dezember stand das Ding schon da, hatte Ruth erzählt. Und nach Weihnachten wurde der Baum einfach auseinander genommen und bis zum nächsten Jahr im Keller verstaut. Eine Kerze suchte man im ganzen Haus vergeblich. "In Australien ist zur Weihnachtszeit Hochsommer", hatte Ruth erklärt. "Bei 35 Grad im Schatten oder mehr würde das Wachs zu weich." Ihre Mutter und Mrs Johnson erschienen im Türrahmen. "Wir sind fertig. Off we go." Mit großen Picknickkörben machten sich die beiden Familien auf den Weg. Liz lächelte Judith an und sagte etwas von einer "Christmas Party". Judith grinste schief zurück. Ihr war zum Heulen zumute. Am Strand wimmelte es von Menschen und die meisten trugen Badekleidung. Nicht zu fassen! Weihnachten im Badeanzug! Judith wünschte sich so sehr, in Deutschland zu sein, zu Hause, wo ein echter Weihnachtsbaum im Wohnzimmer stand, wo Kerzen brannten und wo es nach Tanne, heißem Wachs und Zimtplätzchen duftete.
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