Leseprobe17. Dezember: Kinderfragen, mit Zucker bestreutEs gab eine Sache, die Tobias an Weihnachten nicht ausstehen konnte, und das waren die vielen Geheimnisse. Jeder versteckte was, keiner verriet etwas, überall raschelte es, Schranktüren klappten und man musste bis zum Heiligen Abend warten um zu erfahren, wer wem was schenkte. Das ging Tobias ganz gehörig auf die Nerven und deshalb konnte er es auch nicht lassen, ab und zu mal ein bisschen herumzuschnüffeln. Vor ein paar Tagen zum Beispiel kriegte er mit, dass jemand anrief. Als Tobias ins Wohnzimmer gerannt kam, hängte Mama gerade ein. "Wer war das?" "Niemand für dich." So schnell gab Tobias nicht auf. "Was wollte er?" "Kinderfragen, mit Zucker bestreut." Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer. "Kinderfragen, mit Zucker bestreut." Tobias hasste diesen Spruch. Immer wenn Mama das sagte, wusste er, dass sie etwas vor ihm verheimlichte. Als Papa abends nach Hause kam, drückte Tobias sich unauffällig in der Nähe der Eltern herum, und so gelang es ihm, wenigstens den Namen des Anrufers, oder besser gesagt, der Anruferin herauszubekommen. Es handelte sich um eine Frau Kriebel oder Kiebel oder so ähnlich. Papa wusste offensichtlich Bescheid, aber als Tobias ihn fragte, wer diese Frau Kriebel oder Kiebel oder so ähnlich war, behauptete er: "Keine Ahnung. Kenn ich nicht." Einige Tage danach ging Mama in die Stadt, und sie wollte Tobias auf gar keinen Fall dabeihaben. "Warum darf ich denn nicht mit?", quengelte er und bohrte und fragte, bis sie ärgerlich wurde, und dann kam ihr berühmtes "Kinderfragen, mit Zucker bestreut". Maulend ging Tobias in sein Zimmer und wartete. Endlich kehrte sie zurück. Sie hatte nur eine kleine Einkaufstasche bei sich, die sie im Flur abstellte. Tobias schaffte es, einen Blick hineinzuwerfen. Darin lag nur ein Päckchen in grünem Einwickelpapier. Er wollte gerade danach greifen, als seine Mutter schrie: "Halt! Finger weg!" "Was ist denn da drin?" "Kinderfragen, mit Zucker bestreut." Tobias ballte die Fäuste. Am Tag darauf ging sie noch einmal fort und Tobias durfte wieder nicht mit. Ruhelos streifte er durch die Wohnung und kam auch am Elternschlafzimmer vorbei. Da beschloss er, mal eben kurz in den großen Schrank zu schauen. Unter einem Stapel Handtücher leuchtete das grüne Einwickelpapier hervor. Er nahm das Päckchen aus dem Schrank und wiegte es in der Hand. Es war nicht besonders groß und auch nicht schwer. Er könnte es ganz leicht aufmachen, denn das grüne Papier wurde nur von einem Gummiband zusammengehalten. Schon saß Tobias auf dem Boden. Sein Herz klopfte, als er das Gummi abzog. Zum Vorschein kam ein Karton. Tobias hob den Deckel hoch - und fand darin einen kleinen, runden Spiegel, ein Glöckchen und einen blauweißen Vogel aus Plastik! Ihm blieb der Mund offen stehen. Was sollte er mit diesem Spiegel anfangen? Und dem winzigen Glöckchen? Bimmeln etwa und sich dabei im Spiegel ansehen?
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